AVE MARIA
Johann Sebastian Bach Charles Gounod

Ave Maria von Johann Sebastian Bach und Charles Gounod
Ein ungewöhnliches Gemeinschaftswerk
Charles-François Gounods „Ave Maria” ist eine Besonderheit der Musikgeschichte. Das Werk ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit über Generationen hinweg, obwohl die beiden beteiligten Komponisten, Gounod und Johann Sebastian Bach, keine Zeitgenossen waren. Die musikalische Grundlage stammt von Bach, während Melodie und Text erst Jahrzehnte später von Gounod hinzugefügt wurden.
Bachs musikalische Grundlage
Es ist das Präludium in C-Dur aus dem ersten Band des „Wohltemperierten Klaviers“, das Bach 1722 veröffentlichte. Dieses Präludium ist besonders bei Klavierschülern beliebt und besteht fast vollständig aus gleichmäßigen Arpeggien in Sechzehntelnoten. Nur der Schlusston durchbricht dieses Muster mit einem vollen C-Dur-Akkord. Charakteristisch für das Stück sind seine harmonische Vielfalt, raffinierte Spannungen und sein ruhiger, fließender Charakter, der eine ideale Grundlage für eine gesangliche Linie bietet.
Gounods Begegnung mit Bach
Gounod verehrte Bach zutiefst und bezeichnete ihn als „Meister aller Meister“. 1840 kam er durch Fanny Hensel, geborene Mendelssohn, erstmals intensiv mit Bachs Klavierwerken in Kontakt. Sie führte ihn in die deutsche Musiktradition ein und spielte ihm zahlreiche Werke vor, darunter Präludien, Fugen und Sonaten. Später lud Felix Mendelssohn Gounod nach Leipzig ein. In der Thomaskirche hörte dieser Bachs Orgelmusik – ein prägendes Erlebnis für den französischen Komponisten.
Die Entstehung der „Meditation“
Im Jahr 1852 improvisierte Gounod in Paris über Bachs C-Dur-Präludium. Der Pianist und Komponist Pierre-Joseph-Guillaume Zimmermann, sein späterer Schwiegervater, war von dieser Improvisation so beeindruckt, dass er eine Wiederholung verlangte. Kurz darauf wurde das Werk bei einem Hauskonzert mit Violine, Klavier und kleinem Chor aufgeführt. Im Jahr 1853 erschien die Komposition unter dem Titel „Meditation über das erste Präludium von Bach” – noch ohne Text.
Vom Instrumentalstück zum „Ave Maria“
Erst 1859 erhielt das Werk einen Gesangstext. Zunächst verwendete Gounod ein Gedicht von Alphonse de Lamartine, ersetzte es jedoch durch eine ungewöhnliche Wendung – vermittelt durch Aurélie Jusset – durch den lateinischen Gebetstext „Ave Maria“. Diese Fassung setzte sich rasch durch und machte das Werk weltberühmt.
Rezeption und Verbreitung
Trotz seines großen Erfolgs maß Gounod dem „Ave Maria“ selbst keine besondere Bedeutung bei und erwähnte es nicht einmal in seiner Autobiografie. Dennoch wurde das Stück zu einem festen Bestandteil von Hochzeiten, Messen, Beerdigungen und feierlichen Anlässen. Es existieren zahlreiche Bearbeitungen für unterschiedliche Instrumente und Besetzungen. Berühmte Sänger wie Luciano Pavarotti machten es im 20. Jahrhundert international populär.
Musikalische Bewertung
Während das Publikum das Werk begeistert aufnahm, kritisierten Musikpuristen Gounod für seine sentimentale Überformung eines Originals von Bach. Dennoch gilt das „Ave Maria“ als gelungenes Beispiel für romantische Kantabilität über barocker Harmonik. Es verbindet Bachs klare Struktur mit Gounods lyrischem Ausdruck und ist deshalb bis heute eines der bekanntesten geistlichen Musikstücke.









